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Wilde Klippen und Blockmeere

Erdgeschichte zum Anfassen und Lebensraum für Spezialisten

An vielen Stellen des Nationalparks gibt der Wald den Blick auf wilde Felslandschaften frei. Schroffe Klippen, einzeln emporragende Felsengebilde, wüst durcheinander geworfene Gesteinsblöcke – die Vielfalt und Wildheit dieser Felsfluren prägt den Harzer Nationalpark.

In dieser rauen Landschaft mit extremen Temperaturschwankungen können auf und zwischen nackten Steinen nur Spezialisten überleben. Hier ist das Reich seltener Moose und Flechten. Wenige Zwergsträucher oder Kräuter schaffen es, sich in Felsspalten mit etwas Feinerde festzukrallen. Mit Wanderfalken, Fledermäusen und einer ganz besonderen Spinnenart findet zudem eine auserlesene Tiergemeinschaft in den Felsen und Blockhalden einen unersetzlichen Lebensraum.

 

Aus der Landschaft ragende Felsen sind nicht nur wunderschöne Fotoobjekte, sie sind auch wichtiger Lebensraum für Tiere wie den Wanderfalken. Zur Aufzucht seiner Jungen benötigt er wenig bewachsene Felsen, auf denen er ungestört brüten kann. Zusätzlich ist er auf freien Luftraum angewiesen, in dem er seine hauptsächliche Nahrung – andere Vögel – jagen kann. Obwohl weltweit verbreitet, ist der Wanderfalke heute vielerorts selten geworden. Auch aus dem Harz war der eindrucksvolle Greifvogel zwischenzeitlich verschwunden. Dank eines Auswilderungsprojekts gibt es heute im Nationalpark und darüber hinaus wieder mehrere Brutpaare.

An zahlreichen Orten im Harz wirken die Felsen wie von Geisterhand zusammengesetzt. Gesteinsblöcke mit runden Kanten liegen wie gestapelte Kissen oder Wollsäcke übereinander. Bei dieser sogenannten Wollsackverwitterung hat jedoch keine Harzer Sagengestalt, sondern die Natur ihre Hände im Spiel. Regenwasser und huminsäurereiches Bodenwasser dringen in das Gestein ein und zersetzen dort Mineralien. Den Rissen im Gestein folgend, sprengt bei Frost gefrierendes Wasser die Blöcke auseinander. So bleiben sie wie gestapelt liegen und rollen irgendwann hangabwärts. Über die Jahrtausende entstanden dadurch neben den Felsen auch Blockmeere, Felsschutthalden und Blockhalden.

Blockhalden - riesige Meere aus Stein

In Mitteleuropa sind Blockhalden außerhalb der Alpen höchst selten und ein ausgesprochen spannender Lebensraum. Sie bestehen aus mindestens kopfgroßen Steinblöcken, die an verhältnismäßig steilen Hängen mit einem Neigungswinkel von mindestens fünfundzwanzig Grad lagern. Bei der Bildung der Blockhalden waren starke Naturkräfte am Werk. Nach der letzten Eiszeit sprengten Frost und Wasser die ursprünglichen Felsen in immer kleinere Brocken. Regen wusch feines Verwitterungsmaterial ständig aus. So entstand über 10.000 Jahre ein Lebensraum mit einem charakteristischen Lückensystem und erstaunlichem Mikroklima.

An der Haldenoberfläche kann es im Sommer sehr heiß und im Winter sehr kalt werden. Auch innerhalb eines Tages gibt es starke Temperaturschwankungen. Im Innern der Halde herrscht dagegen ein eher ausgeglichenes Klima. Das ganze Jahr über ist es vergleichsweise kühl und feucht und natürlich dunkel. Die Hohlräume der Blockhalde bieten dadurch ähnliche Bedingungen wie Naturhöhlen.

Einige Blockhalden verfügen sogar über ein ausgeprägtes Luftzirkulationssystem. Im Sommer kühlt die Luft in der Blockhalde ab und sinkt nach unten. Dadurch wird die warme Luft am Kopf der Halde angesaugt, durchströmt das Lückensystem in der Tiefe der Halde und tritt dann am Fuß merklich kühler wieder aus. So kann in einigen Blockhalden im Fußbereich bis Ende Juni noch Eis zwischen den Steinen gefunden werden. Im Winter zeigt sich ein gegenteiliges Phänomen. Die relativ milde Luft im Haldenkörper steigt von unten durch das Hohlraumsystem auf und wärmt so den Haldenkopf.

Blockhalden sind nur scheinbar unbewohnt

Fehlendes Bodensubstrat, starke Temperaturschwankungen und Wassermangel machen Pflanzen das Leben auf der Blockhalde schwer. Nahezu alle Haldenbereiche sind jedoch von Flechten überzogen. Sie wachsen sehr langsam, aber vertragen monatelanges Austrocknen und starke Temperaturschwankungen. Auf den Blockhalden des Nationalparks kommen zahlreiche seltene Arten vor. Es sind oft die einzigen Vorkommen in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Sie können nur erhalten werden, wenn sie vor Trittschäden geschützt werden. Die Steinfelder dürfen deshalb nicht betreten werden. Neben den Flechten können sich einige Moose und, sofern ausreichend Erde vorhanden ist, sehr vereinzelte höhere Pflanzen wie Habichtskräuter oder Heidelbeere ansiedeln.

Zudem schätzen einige Tiere den besonderen Lebensraum der Blockhalden. Die Raupe des in Niedersachsen vom Aussterben bedrohten Blankflügel-Flechtenbärs ernährt sich von den zahlreichen Flechten. Andere Schmetterlingsarten wie der C-Falter oder das Tagpfauenauge, aber auch Waldeidechsen und Feuersalamander wärmen sich auf den besonnten Gesteinsoberflächen auf. Möglicherweise nutzen sie die Lücken zwischen den Blöcken auch als Winterquartier. Fledertiere wie die Nordfledermaus nutzen die großen Steinmeere zeitweilig als Tagesquartier.

Ein Paradies für Spinnen

Für manche wirbellosen Kleintiere sind die Meere aus Stein ein idealer Lebensraum. Untersuchungen haben gezeigt, dass beispielsweise erstaunliche 187 Arten der Webspinnen in den Blockhalden des Nationalparks zuhause sind. Sie siedeln in allen Bereichen. An der Oberfläche kann man häufig die tagaktive Norwegische Wolfsspinne Acantholycosa norvegica sudetica beim Sonnenbaden finden. Mit ein wenig Glück kann man sie sogar mit ihrem türkisfarbenen Eikokon oder den frisch geschlüpften Jungtieren auf dem Rücken erleben. Die in Deutschland seltene bleiche Alpen-Sackspinne Clubiona alpicola lebt ebenfalls auf der Oberfläche der Halde, versteckt sich aber tagsüber in einem weißen Gespinstsack unter Steinscherben.

In der Tiefe der Halden leben die oft winzigen Vertreter der Zwerg- und Baldachinspinnen. Sie werden meist nicht mehr als 3 Millimeter groß. Dennoch findet sich unter diesen Winzlingen eine ganz besondere Rarität. Die sibirische Baldachinspinne Wubanoides uralensis zählt zu den seltensten und geheimnisvollsten Spinnen Europas. Bis heute wurde sie deutschlandweit nur in einzelnen Blockhalden des Harzes entdeckt. Ihr Hauptverbreitungsgebiet liegt in Sibirien und Nordasien vom Westural bis zur Mongolei. Im Harz lebt sie ausschließlich in den weitgehend lichtlosen Lückensystemen weniger Blockhalden, 50 bis 200 Zentimeter unterhalb der Oberfläche. Sie gilt wie die Wolfsspinne als Relikt der Eiszeit.