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Die Zwergstrauchheide auf der Brockenkuppe

Für deutsche Mittelgebirge einmalig: Der Gipfel des Brocken ist von Natur aus waldfrei.

 

Den wilden Stürmen auf der Gipfelkuppe des Brockens hält kein Baum stand. Bei 1.100 Metern Höhe erreicht der geschlossene Wald mit den letzten ca. 150jährigen Fichten eine natürliche Grenze. Es ist die nördlichste natürliche Waldgrenze in Zentraleuropa. Weiter oberhalb breitet sich eine zwergstrauch- und grasreiche Bergheide mit wenigen krüppelwüchsigen Fichten aus.

Die Brockenkuppe ist seit der letzten Eiszeit waldfrei. In der dauernden Kälte der höchsten nördlichen Erhebung Deutschlands hat ein vielfältiges pflanzliches und tierisches Leben überdauert. Nach dem Ende der letzten Eiszeit fanden einige „Nordlichter“ hier eines ihrer letzten Rückzugsgebiete in Mitteleuropa. Deutschlandweite Raritäten wie die Starre Segge, der Alpen-Flachbärlapp, die Scheidensegge oder verschiedene Moos- und Flechtenarten sorgen für den Ruf des Harzes, wie ein Stück skandinavisches Gebirge im Herzen Deutschlands zu sein.

Allein die berühmte Brocken-Anemone hat ihre Heimat im fernen Osten. Sie ist deutschlandweit nur auf der Brockenkuppe zu finden.

 

Botanische Kostbarkeiten

Oberhalb der natürlichen Waldgrenze existieren auf der Brockenkuppe noch Reste der ehemals großflächiger vorhandenen Zwergstrauchheide. Durch flachgründige, nährstoffarme Böden, raues Klima und vor allem durch den Wind konnte sich hier kein geschlossener Wald bilden. Pflanzenarten, die während der letzten Eiszeit weiter verbreitet waren, fanden hier ihren Rückzugsraum. Darunter sind zahlreiche botanische Raritäten, die schon so manchen Liebhaber auf den Brocken gelockt haben.

An besonders exponierten Stellen des Gipfelplateaus fegt der Wind den steinigen Boden beständig kahl. Hier beginnen niedrige Flechten, Moose und urtümliche, kriechende Bärlappe immerwährend neu mit der Besiedlung. An etwas windgeschützteren steinigen Orten wachsen echte „Nordlichter“ wie Starre Segge, Scheidensegge und Alpen-Habichtskraut. In niedrigen Borstgrasrasen ist der bedrohte Alpen-Flachbärlapp zu finden. Zwischen Granitblöcken, im Windschatten, in erdigen Spalten finden Zwergsträucher und spezialisierte Gräser ein karges Auskommen.

Die Charakterpflanze der Brockenkuppe ist die Brocken-Anemone. Sie stammt ursprünglich aus den Gebirgen Asiens. Ihre anmutigen weißen Blütenstände zeigt sie im Mai. Die Brocken-Anemone wächst deutschlandweit nur hier, ebenso wie das weniger bekannte gelb blühende Brocken-Habichtskraut, das weltweit nur auf dem Brocken zu finden ist.

Das Vorkommen zahlreicher lichtbedürftigen Arten ist ein Indiz für die Waldfreiheit des Brockenplateaus seit dem Ende der letzten Eiszeit vor ca. 10.000 Jahren.

Tierische Juwelen

Aber nicht nur besondere Pflanzen, auch seltene Tiere sind auf der Brockenkuppe zu finden. Die Zwergstrauchheide des Brockens ist beispielsweise Heimat für zwei in Deutschland sehr ungewöhnliche Spinnenarten. So galt die nur wenige Millimeter große Spinnenart Mecynargus morulus nach einem ersten Fund auf dem Brocken Jahrzehnte lang als verschollen. 1992 konnte sie dann erneut in den Hochlagen des Harzes nachgewiesen werden. Weitere Funde gibt es deutschlandweit nur noch auf dem Fichtelberg und in den Alpen.

Noch seltener ist die ebenfalls winzige Spinne Palliduphantes antroniensis. Sie ist in Westsibirien und Teilen Skandinaviens verbreitet. Auch in Schottland und den Karparten wurde sie vereinzelt entdeckt. In Deutschland findet man sie nur im Harz und in den mittleren Nordalpen.

Neben diesen trotzen zahlreiche weitere Spinnen- und Insektenarten dem rauen Klima auf dem höchsten Berg des Harzes.

Von ihnen ernährt sich beispielsweise der sperlingsgroße Wiesenpieper. Er mag offene Landschaften und baut sein Nest gut getarnt am Boden der waldfreien Brockenkuppe.

Vermutlich ein Relikt der Eiszeit ist die Ringdrossel, deren Brutvorkommen auf dem Brocken zu den wenigen in ganz Mitteleuropa zählt. Für den Nestbau wählen die amselgroßen Vögel die Krüppelfichten am Rand der Heide. Erkennbar sind Ringdrosseln an ihrem sehr auffälligen weißen Bruststreifen.

Gefährdeter Lebensraum

Die auf der Brockenkuppe natürlich vorhandenen Heideflächen wurden im Lauf der Zeit stark durch menschliche Nutzungen beeinflusst. Beweidung trug zur Ausbreitung der Heidevegetation und damit zur Verbreitung der Brocken-Anemone bei. Ungelenkter Tourismus hat dagegen zum Verschwinden der Bodenvegetation geführt. Aufgrund der militärischen Nutzung von 1961 bis 1989 kam es durch umfangreiche Bebauung zur Versiegelung großer Bereiche und zur weiträumigen Vernichtung der Vegetation.

Eine großflächige Renaturierung des ehemaligen Militärgeländes nach der Ausweisung des Nationalparks ermöglichte die Wiederansiedlung unterschiedlicher Pflanzengesellschaften auf dem Brockenplateau. Dadurch hat auch die Zahl der potentiellen Standorte für Brocken-Anemone und Brocken-Habichtskraut wieder zugenommen. Dennoch sind beide in ihrem Bestand stark gefährdet. Im Niederschlag enthaltene Nährstoffe von rund 60 kg Stickstoff pro Hektar und Jahr auf der Brockenkuppe begünstigen die Ausbreitung von konkurrenzstarken Gräsern wie der Rasenschmiele und dem Wolligen Reitgras. Sie machen der natürlichen Heidevegetation ihren Platz streitig.