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Datum: 29.10.2025

Seltener Gast im Nationalpark Harz: Wildkamera nimmt Seeadler bei der Nahrungssuche auf

Seit drei Jahren läuft das „Aasprojekt” im Schutzgebiet. Dabei sind rund 255.000 Foto- und mehr als 12.000 Videoaufnahmen von Wildtieren entstanden, etwa von Luchsen und Wölfen

Ein ganz besonderer Besucher wurde Anfang Juli von den Video- und Fotokameras aufgenommen, die im Rahmen des „Aasprojekts” im Nationalpark Harz aufgestellt sind: Ein Seeadler, der an einem toten Reh unweit des Urwaldstiegs am Brocken frisst. Der imposante und in unserer Region seltene Greifvogel jagt nicht nur Fische oder Wasservögel, sondern frisst auch regelmäßig am Aas.

Bereits seit drei Jahren beteiligt sich der Nationalpark Harz zusammen mit den anderen deutschen Nationalparken an einem bundesweiten Forschungsprojekt zur Bedeutung von Wildtierkadavern in der Landschaft. Es wird vom Bundesamt für Naturschutz gefördert und an der Universität Würzburg koordiniert. Bis Oktober wurden dabei etwa monatlich größere Tierkadaver an Zufallsplätzen im Fichten-Bergwald des Harzes ausgelegt. Mit Wildkameras wurde dokumentiert, welche Tiere sich dort zeigen und davon fressen. Insgesamt 43 Kadaver wurden so bisher im Harz ausgelegt und überwacht, neben Rehen auch 15 Rothirsche und drei Wildschweine. Die Kadaver stammen ganz überwiegend von im Verkehr zu Tode gekommenen Tieren. Mit Hilfe der Kameras entstanden bislang über 255.000 Foto- und über 12.000 Videoaufnahmen. Dabei wurden mindestens 31 Vogel- und Säugetierarten als Aasbesucher registriert.

Zwischen drei und 14 Arten besuchten die einzelne Auslage. Im Mittel wurden sechs Arten pro Kadaver festgestellt. Am häufigsten kamen Füchse und Kolkraben zum Aas und nutzten dieses in der Regel auch intensiv. Oft entdeckten Kolkraben als erste einen neuen Kadaver. Auch Wildschweine waren regelmäßige Nutzer der Wildtierkadaver. Natürlich nutzten nicht alle der fotografierten Arten die Kadaver auch tatsächlich als Nahrungsquelle, so zum Beispiel Rothirsch oder Feldhase.

Raubkatzen zeigen wenig Scheu vor den Kameras

Auch die großen Raubtiere im Schutzgebiet, Luchse und Wölfe, tauchten an den Kadavern auf. Luchse fraßen von den Kadavern, sofern diese noch halbwegs frisch waren, dann meist recht intensiv und im Winter bis zu einer Woche lang. Dabei zeigten die Raubkatzen wenig Scheu vor den Kameras, hielten sich oft stundenlang am Aas auf oder schliefen bisweilen sogar direkt vor der Kamera. Wölfe hingegen scheinen sehr viel scheuer zu sein oder die Kameras als störend wahrzunehmen. Meist tauchten Wölfe erst an einem Kadaver auf, wenn dessen Zersetzung schon weit fortgeschritten war und nur noch Haut und Knochen vorzufinden waren. Oft schnappten sich die Wölfe dann einen Knochen oder Hautfetzen und verschwanden wieder schnell aus dem durch die Kameras überwachten Bereich. In mehreren Fällen wurden die Auslagen gar nicht genutzt, sondern der Wolf lief mit Abstand daran vorbei.

Das Aasprojekt:

Im Rahmen des Forschungsprojekts zur Bedeutung von Aas in mitteleuropäischen Ökosystemen werden im Nationalpark Harz über einen Zeitraum von drei Jahren jährlich acht Rehkadaver an unterschiedlichen Standorten im Bergfichtenwald ausgelegt. Über die Dauer von mindestens einem Monat werden Aasbesucher mittels Wildkamera erfasst und anschließend Nutzung, Verweildauer und Besuchsfrequenzen der einzelnen Arten ermittelt. Das Projekt wird im Nationalpark Harz von Wissenschaftler Andreas Marten betreut. 

IN DIESEM VIDEO ERKLÄRT ANDREAS MARTEN DAS PROJEKT:

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Neben dem Seeadler besuchten auch zahlreiche Rotmilane den Rehkadaver am Brocken. Darunter war ein mit einer Flügelmarke versehenes Weibchen, welches im März 2023 im Winterquartier am Flughafen von Madrid markiert worden ist. Weitere Greifvogelarten wie Mäusebussard, Habicht und Sperber wurden ebenfalls bereits an Kadavern im Harz beobachtet. Bereits im Juni 2023 gab es im Rahmen des Forschungsprojektes die spektakuläre Beobachtung von 21 jungen Gänsegeiern an einem Rehkadaver im Nationalpark Eifel.

Greifvögel profitieren von toten Tieren im Nationalpark Harz

Die Ergebnisse zeigen auf, dass die Kadaver großer Tiere eine wichtige Nahrungsquelle für Greifvögel, Rabenvögel und Säugetiere sind. Sie unterstreichen damit auch die Bedeutung der Rückkehr großer Raubtiere wie Luchs und Wolf für das Ökosystem. Durch ihre Jagdaktivitäten sind sie eine wichtige Quelle für tote Tiere in der Landschaft. Die zurückgelassenen Beutereste bilden die Lebensgrundlage einer vielfältigen Artengemeinschaft von Bakterien und Pilzen über Fliegen und Käfern bis hin zu kleineren Raubtieren und Vögeln

Nach drei Jahren zeitweise intensiver Feldarbeit erfolgt spätestens ab dem kommenden Jahr die Aufbereitung, Auswertung und Publikation der sehr umfangreichen Daten im Gesamtprojekt. Es wird spannend sein zu sehen, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede sich zwischen den unterschiedlichen Gebieten und Ökosystemen ergeben, welche Bedeutung die Kadaververfügbarkeit im Sommer und Winter für Vögel und Säugetiere hat, ob das Vorhandensein großer Beutegreifer wie Luchs und Wolf einen Einfluss auf die Gemeinschaft der Aasnutzer in den unterschiedlichen Projektgebieten hat oder welche Arten und Artengemeinschaften deutschlandweit ganz generell von großen toten Tieren in Ökosystemen profitieren.