Datum: 29.09.2025
35 Jahre Nationalparkverordnung: Das Harzer Großschutzgebiet ist Teil der Deutschen Einheit
Anlässlich des 35. Jahrestags der Nationalparkverordnung schildert Zeitzeuge Uwe Wegener seine Erinnerungen an diese Gründungszeit des Harzer Großschutzgebietes.
Uwe Wegner war 1990 Aufbauleiter des Nationalparks Hochharz in Sachsen-Anhalt, dessen wissenschaftlicher Leiter er im Folgejahr wurde. 2004 übernahm er im nunmehr länderübergreifenden Nationalpark Harz die Projektleitung Forschung. Im Alter von 65 Jahren ging Wegener 2006 in den Ruhestand. Anlässlich des 35. Jahrestags der Nationalparkverordnung für den Hochharz schildert er als Zeitzeuge hier seine Erinnerungen an diese Gründungszeit des Harzer Großschutzgebietes:
35 Jahre Nationalparkprogramm – 35 Jahre Nationalparkverordnung Hochharz
Die Grenzöffnung am 9.11. 1989 war der Ausgangspunkt nicht nur über neue staatliche Strukturen in der DDR nachzudenken, sondern auch über Großschutzgebiete, um mehr Naturschutz zu erreichen. Von der Müritz sprang Ende 1989 der Funke über in das Elbsandsteingebirge und in den Harz.
Anfangs war im Harz ein großflächiges Biosphärenreservat geplant, aber schon bald klärten uns die Freunde vom BUND Goslar darüber auf, dass es solche Schutzkategorie im Bundesdeutschen Naturschutzgesetz nicht gibt, also sollte ein Nationalpark entstehen. Für einen kleinen Nationalpark gab es die Unterstützung des Staatlichen Forstwirtschaftsbetriebs (StFB) Wernigerode und der Umweltorganisation im Kulturbund der DDR (GNU). Aber es fehlten Erfahrungen über die Organisation eines solchen Schutzgebiets, die günstige Abgrenzung und die Öffentlichkeitsarbeit. Es gab aber einen regen Erfahrungsaustausch der Aufbauleiter der vorgesehenen Großschutzgebiete in Berlin und meine Beratertätigkeit für das dortige Umweltministerium wirkte sich ebenfalls günstig aus.
Im Umweltministerium Berlin war Prof. Dr. Michael Succow stellvertretender Minister geworden und holte weiterhin Dr. Hans-Dieter Knapp und Dr. Lebrecht Jeschke in das Ministerium. Das war die Keimzelle für die Arbeitsgruppe Großschutzgebiete, aus der das Nationalparkkomitee entstand.
Parallel dazu gab es im Harz einen ständigen Kontakt zu unseren Freunden vom BUND in Goslar, insbesondere zu Udo Heß und zu Friedhart Knolle, denn es war von Beginn an das erklärte Ziel, mit den Nationalparkgrenzen nicht im Hochharz stehen zu bleiben, sondern das Gebiet möglichst bald nach Westen über die „alte Grenze" hinaus zu erweitern. So sollte die Grenzöffnung auch unmittelbar für den Naturschutz einen Vorteil bringen.
Im Mai 1990 reiste das gesamte Nationalparkkomitee praktisch mittellos, da die Währungsunion noch nicht erfolgt war, von Berlin aus in den Bayerischen Wald, um Erfahrungen in dem ersten deutschen Nationalpark zu sammeln. Hier wurden auch erstmals die Gebietsverordnungen diskutiert, wobei uns der Leiter des dortigen Nationalparks Dr. Hans Bibelriether (1933-2025) mit den Worten beruhigte: „Schafft erst einmal den Nationalpark, die Verordnungen können später kommen." Das erwies sich jedoch als ein verhängnisvoller Irrtum. Wir hatten für die Nationalparkentwicklung vom Zeitmaß her zwei bis drei Jahre vorgesehen. Mit der am 18.3. 1990 neu gewählten Volkskammer in der DDR zeichnete sich aber immer stärker eine Beschleunigung des Vereinigungsprozesses ab. Und in der Tat beschloss die Volkskammer im August 1990 den schnellen Beitritt der DDR zur Bundesrepublik für den 3.10. 1990.
Das löste im Nationalparkkomitee in Berlin, aber auch in den Schutzgebieten Panik aus: Wie sollte das Nationalparkprogramm als sogenanntes fortgeltendes DDR-Recht bis zu diesem Zeitpunkt in den Einigungsvertrag aufgenommen werden? Die Mitarbeiter in Berlin kürzten das Nationalparkprogramm auf die Gebiete, die in wenigen Wochen alle Unterlagen zusammenbringen könnten. Sie fuhren aber auch zu den vorgesehenen Schutzgebieten, um Mut zu machen, unter Aufbietung aller örtlichen Kräfte diesen Wettlauf gegen die Zeit zu meistern. Für die Gebiete im ehemaligen Bezirk Magdeburg war es Dr. Lutz Reichhoff, der besonders den Harz und den Drömling unterstützte. Die letzte Ministerratssitzung der DDR war für den 12. September anberaumt, bis dahin musste alles fertig sein und gedruckt vorliegen.
Das Nationalparkprogramm hatte aber inzwischen einen ganz wesentlichen Unterstützer in Prof. Klaus Töpfer, dem Umweltminister aus Bonn gewonnen. Er versprach sofortige Hilfe und schickte mehr als 10 Juristen aus Bonn zur Mitarbeit an den Umweltprogrammen, speziell am Nationalparkprogramm nach Berlin. Sie reisten zumeist am Dienstag an und am Donnerstag oder Freitag wieder zurück nach Bonn, effektiv war das nicht. Es gab da aber eine Ausnahme: Der Bonner Jurist Ulf Müller-Helmbrecht, der an den Wochenenden in Berlin blieb bzw. mit seinem Mitarbeiter die Gebiete bereiste um sich ein genaueres Bild zum Anliegen der Schutzgebiete zu machen. Nach den Bereisungen stand aber auch seine Meinung fest: Ohne rechtsgültige Verordnung für jedes Schutzgebiet wird es keinen Schutzstatus geben!
Im Müritzgebiet wurde dann auch die erste Musterverordnung erarbeitet, die wir uns im Harz zum Vorbild nahmen und für das Gebirge anpassten. Über die vielen juristischen „Spitzfindigkeiten" waren wir nicht sehr glücklich und nicht selten musste der Berliner Mitarbeiter Dr. Wolfgang Böhnert sie in ein verständliches Deutsch übersetzen. Die Arbeit von Müller-Helmbrecht schätzten wir Aufbauleiter erst später, als die Verordnungen der Schutzgebiete sich bei allen Gerichtsprozessen als justizfest erwiesen. Die Aufbauleiter und die ehemaligen Ministeriumsmitarbeiter sind mit Ulf Müller-Helmbrecht auch heute noch freundschaftlich verbunden. Viel ideelle und praktische Unterstützung für das Nationalparkprogramm kam auch von den großen Umweltverbänden der Bundesrepublik, so dem BUND, dem Verband für Vogelschutz, dem späteren NABU, dem WWF und anderen Verbänden. Im Harz war es vorwiegend der BUND, die GNU (später BNU), das Fotostudio Schadach und der Umweltverein „Kraftzwerg".
Noch in der vollen Arbeit am Verordnungsentwurf und an der praktischen Sicherung des Schutzgebietes im Gelände begriffen, kam Anfang August aus Berlin die Weisung bis zum 30.8.1990 alle Verordnungsentwürfe im Ministerium einzureichen. Die Zeit lief uns praktisch davon, dennoch versuchten wir mit möglichst vielen Partnern und Kommunen die Verordnungstexte abzustimmen. Am 3.9. fuhr ich gemeinsam mit dem Brocken- und Fichtenexperten Dr. Gerhard Stöcker aus Halle noch einmal nach Berlin um auf die Wünsche von Müller-Helmbrecht einzugehen und letzte Nachbesserungen an der Verordnung zu vollziehen.
Dann waren wir im Harz 10 Tage in Spannung, eigentlich könnten wir uns zurücklehnen – die Verordnung war fertig, alle wichtigen Fakten waren eingearbeitet und pünktlich waren wir auch. Aber würde das ausreichen? Und wird das gesamte Nationalparkprogramm vom Ministerrat abgesegnet werden? Es hatte in den letzten Wochen noch Einsprüche aus dem Wirtschaftsministerium, von der Landwirtschaft und aus dem Verkehrswesen gegeben. Erst am 13.9. rief uns Lutz Reichhoff am frühen Morgen an und überbrachte die freudige Nachricht: Die Verordnung zum Hochharz ist, wie das gesamte Nationalparkprogramm in den Einigungsvertrag aufgenommen!
Diese Botschaft löste im Aufbaustab vom Hochharz große Freude aus, hatte sich doch die anstrengende Arbeit der letzten Wochen gelohnt. Aber ein „Sektgelage" gab es nicht gleich. Ich erinnere mich, dass ich in einer Schrankecke noch eine Flasche vom alten Schierker Feuerstein aus Schierke hatte. Damit stießen wir im kleinen Kreis an. Dazu gehörten Irmtraud Theel, natürlich Hubertus Hlawatsch als zukünftiger Leiter und Rainer Hamann. Gunter Karste, der in diesem Gründungsjahr sehr viel bewegt hatte, fehlte, er war bereits wieder zum Brocken unterwegs.
Erst etwas später erfuhren wir, wie dramatisch diese Endphase der Fertigstellung der Verordnungen gewesen ist. So erwiesen sich die fertiggestellten Karten aus der DDR-Zeit als verzerrt. Da konnte die Bundeswehr helfen, der einstige „Klassenfeind" hatte eben die genaueren Karten. Die Verordnungen und Karten mussten aber noch gedruckt und wieder von Bonn nach Berlin gebracht werden, denn in Berlin hatte sich auf die Schnelle keine Druckerei gefunden. Dieser eilige Transport zwischen den Hauptstädten war nur mit einem Sonderflugzeug möglich. Und selbst am Tag der letzten Ministerratssitzung in Berlin war es chaotisch. Die Müllfahrer in Berlin streikten und Umweltminister Steinberg wurde aus der Sitzung herausgerufen, um zu vermitteln.
Das Nationalparkprogramm war der letzte Tageordnungspunkt und der Minister, der vortragen sollte, war noch nicht zurück. 11.45 Uhr wurde dieser, für uns so wichtige Tagesordnungspunkt vom Staatssekretär bereits abgesetzt, aber um 11.50 Uhr erschien Minister Steinberg und erreichte die Wiederaufnahme der Tagesordnung zu Gunsten des Nationalparkprogramms – dem wurde stattgegeben und um 12.10 Uhr war das Programm durch, die letzte Ministerratssitzung der DDR fand ihr Ende (Böhnert und Reichhoff 2023).
Danach traten am 1.10. 1990 14 Schutzgebietsverordnungen des Nationalparkprogramms, darunter auch der Hochharz, in Kraft und wurden Teil der deutschen Einheit. Der Beitritt der DDR zur BRD erfolgte zwei Tage später am 3.10. 1990. Damit nahm das größte Schutzgebietssystem, welches je in Deutschland in kürzester Zeit entwickelt war, ganz konkret Gestalt an.
Im Harz erfüllten sich nicht alle Visionen sofort. Der geplante Nationalpark in Niedersachsen war noch nicht beschlossen, aber bereits in der Diskussion. Des Weiteren sollte es zukünftig auch im Harz gelingen, sowohl schützenswerte Kulturlandschaften als auch Wildnisgebiete zu sichern. Das Biossphärenreservat im Südharz kam ebenfalls erst einige Jahre später hinzu. Die flächig verbreiteten Fichtenforste im Hochharz blieben ein Problem. Heute nach 35 Jahren blicken wir nach vorn. Ein umfangreiches Waldbauprogramm der letzten 20 Jahre hat für die Entwicklungszonen des Nationalparks günstige Ausgangsbedingungen geschaffen.
Die Nationalparke sind deutschlandweit zu einem Erfolgsmodell des Naturschutzes geworden.
von Uwe Wegner
(Quellen: Böhnert, W. und Reichhoff, L. (2023): Chronologie des Nationalparkprogramms der DDR im Jahre 1990. Veröff. Der LPR Landschaftsplanung Dr. Reichhoff GmbH Heft 10 (2023) S. 6-39.)