Datum: 03.09.2025
Zwei Luchswaisen aus dem Vorharz werden in der Wildtier- und Artenschutzstation Sachsenhagen gepflegt
Anwohner der kleinen Siedlung Dörnten/Döhrenhausen hatten die Jungtiere beobachtet, deren Mutter verschwunden ist
Die Tierärzte und Tierpfleger*innen in der Wildtier- und Artenschutzstation Sachsenhagen (WASS) bei Hannover kümmern sich derzeit um zwei Waisen aus dem Vorharz: Es handelt sich um noch nicht selbstständige Jungluchse, die den Kontakt zu ihrer Mutter verloren haben. Schätzungsweise wurden die beiden Kätzchen im Mai oder Juni geboren.
Ein Alttier – vermutlich die Mutter – war Anfang August dieses Jahres von einer Fotofalle im südlichen Salzgitterhöhenzug aufgenommen worden. Auf dem Foto war erkennbar, dass die Luchsin laktierte, das heißt Milch produzierte und säugte. Ihr Nachwuchs war jedoch nicht auf dem Bild zu sehen.
Rund 14 Tage später erreichten Ole Anders und seine Kolleg*innen vom Harzer Luchsprojekt Meldungen von Anwohnern in der kleinen Siedlung Dörnten/Döhrenhausen, die zwei junge Luchse gesehen hatten. Mitunter konnten die Menschen sich den Tieren bis auf wenige Meter nähern. Dieses Verhalten war ungewöhnlich, sodass der Verdacht nahelag, dass die Jungluchse keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter hatten und hungrig waren. Ole Anders bat die Beobachter, sich sofort zu melden, sollten die Jungluchse erneut auftauchen.
Die Jungluchse versteckten sich in einer leeren Scheune
Am Freitag, 15. August, war es soweit: Erneut ging eine Meldung der beiden Jungtiere ein, diesmal von den Bewohnern der ehemaligen Försterei Döhrenhausen. Am Abend kontrollierte Anders den Ort und entdeckte tatsächlich die beiden Jungluchse, die sich in einer leeren Scheune auf dem Grundstück versteckten. Beide wirkten sehr abgemagert.
Eines der Jungtiere konnte mit Unterstützung des dort zuständigen Försters Lucas Prescher noch am selben Abend mit einem Kescher eingefangen werden. Es wurde für die Nacht in einem eigens dafür bereitstehenden Kleingehege des Nationalparks Harz in Oderhaus untergebracht. Am folgenden Samstag wurde der junge Luchs nach Sachsenhagen gebracht, wo ihn die Mitarbeiter*innen der WASS in Obhut nahmen.
Bei der abendlichen Rückfahrt in den Harz erreichte Anders dann die Meldung eines Autofahrers, der das zweite Jungtier auf einem Acker vor dem Hofgrundstück gesehen hatte. Mit der Unterstützung des Bezirksvorsitzenden der Jägerschaft Hans Hesse und dessen Lebensgefährtin Dagmar Fenker sowie eines zufällig dort vorbeifahrenden Jägers gelang ihm der Einfang auch dieses Jungluchses mit einem Kescher. Dieses Tier wurde von einem Fahrer der WASS am folgenden Montag aus Oderhaus nach Sachsenhagen geholt.
Tierarzt Dr. Florian Brandes, Leiter der WASS, diagnostiziert eine starke Unterernährung bei den beiden Jungtieren. Augenscheinlich haben diese jedoch eine gute Überlebenschance, zeigt sich der Tierarzt optimistisch. Die Ergebnisse von Blutuntersuchungen müssen aber für eine genauere Prognose noch abgewartet werden. In der WASS gibt es sehr gute Bedingungen für die Aufzucht von verwaisten Jungluchsen. Diese kann dort ohne jeden Besucherverkehr und nur mit den nötigsten menschlichen Kontakten stattfinden, so dass die Tiere danach im Sommer 2026 für eine Wiederauswilderung geeignet wären.
Der Verbleib des Muttertiers ist allerdings völlig unklar. Es ist denkbar, dass sie einem Unfall zum Opfer gefallen ist, kurz nachdem die Aufnahme von ihr mit der Fotofalle entstanden war.
Es besteht dringender Handlungsbedarf, um Luchse in Mitteleuropa zu erhalten
Die Nationalparkverwaltung Harz beteiligt sich an einem internationalen Erhaltungszuchtprogramm für Luchse und stellt dafür ihr großes und naturnahes Gehege an der Rabenklippe zur Verfügung. Vor einigen Tagen ist ein sechs Jahre alter Kuder dort angekommen. Der Luchs-Nachwuchs soll an Artenschutzprojekte zur Auswilderung abgegeben oder innerhalb des Zuchtprogramms weiter verpaart werden. Eine Stärkung und Vernetzung der isolierten Populationen wilder Luchse in Europa ist dringend erforderlich.
Weitere Informationen zum Harzer Luchsprojekt gibt es hier.
Ab sofort erhältlich: Der Nationalpark-Kalender 2026
Wer die Arbeit von Ole Anders und seinen Kolleg*innen zum Schutz der wilden Luchse unterstützen will, kann zum Beispiel den Nationalpark-Kalender 2026 erwerben, der von der Jungfer Druckerei und Verlag GmbH und die SilverLynx Media GmbH aus Herzberg gesponsert wird. Er ist zum Preis von 15,95 € ab sofort in allen Verkaufsstellen des Nationalparks und in zahlreichen Buchhandlungen erhältlich. Der Erlös des Kalenders kommt dem Harzer Luchsprojekt zugute.