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Datum: 11.12.2020

Waldbilanz 2020 des Nationalparks Harz in der Klimakrise

Neuer Wald in Bündeln und Rekordernte von Bucheckern

Im Wald ist es nach dem zweiten Lockdown nicht ruhiger geworden. Viele Gäste sind unterwegs, aber auch unsere Arbeiten zur Waldentwicklung gehen weiter.

Die Entwicklung der letzten drei Jahre mit Hitze, Trockenheit, ausgefallenen Wintern und starker Borkenkäferentwicklung in der Klimakrise haben riesige Flächen an Fichtenbeständen sehr rasch absterben lassen. Das bedeutet für uns, bei den Waldentwicklungsmaßnahmen einige Gänge hochzuschalten. Im Herbst 2020 wurden im Nationalpark Harz ca. 320.000 Laubgehölze gepflanzt, zumeist Buchen, aber auch Roterlen, Weiden, Aspen und Birken. Das entspricht etwa 200 ha umgewandelter Waldfläche. "Diese Arbeiten fanden in einem engen Zeitfenster statt und sind eine logistische Herausforderung", so Sabine Bauling, die für die Waldentwicklung zuständige Fachbereichsleiterin im Nationalpark Harz.

Im Nationalparkrevier Scharfenstein wurden wieder Bucheckern geerntet für die Anzucht von kleinen Buchen zur Pflanzung im Nationalpark. In diesem Jahr konnte eine Rekordernte eingefahren werden – sage und schreibe 1049 kg gereinigte Bucheckern in 99 Säcken. Das werden einmal über eine Million kleiner Buchenpflanzen werden für ca. 600 ha Waldumwandlungsflächen in den nächsten drei Jahren. Dieses Saatgut wird zur Lohnanzucht in Baumschulen gebracht. Wenn alles gut geht, stehen die ersten Pflänzchen im Herbst 2021 zur Pflanzung bereit.

Die Klimaentwicklung der letzten drei Jahre hat großflächig strukturarme Fichtenreinbestände absterben lassen. Nicht der Wald ist tot, aber die alten Fichten. Die Waldentwicklungsmaßnahmen des Nationalparks werden daher neu überdacht und die Zeit drängt.

Im Nationalpark Harz wären von Natur aus zwei Drittel der Fläche mit Buchenwäldern bestockt, gegenwärtig ist es nur ein knappes Fünftel. Der Nationalpark Harz ist kein Forstamt, hier wird nicht im klassischen Sinne „aufgeforstet“. Als Entwicklungsnationalpark hat das Schutzgebiet aber die Möglichkeit und den Auftrag der ökologischen Sanierung. Bezüglich der Waldentwicklung bedeutet das, mehr Naturnähe in naturferne Fichtenreinbestände zu bringen. Konkret werden dazu seit vielen Jahren kleine Laubbäume in diese Bestände gepflanzt, das heißt Samenbäume für zukünftige Waldgenerationen. Die Natur bekommt sozusagen einen Werkzeugkasten in die Hand. Wenn die Laubholzinitiale gesichert sind, werden diese Flächen in die Naturdynamikzone überführt. Danach finden keine menschlichen Eingriffe mehr statt.

In den letzten Jahren haben sich im Nationalpark viele neue Waldbilder entwickelt. So werden über Buchenpflanzungen die abgestorbenen Fichten zumeist stehen gelassen – das sind Waldbilder, die man so noch nicht kennt. Die abgestorbenen Fichten üben wichtige ökologische Funktionen aus. Sie bieten den kleinen Buchen Schutz vor Witterungsextremen, werfen Schatten, bremsen Wind und damit Austrocknung. Wenn das Fichtentotholz zusammenbricht und zersetzt wird, beginnt ein Prozess, an dem viele Lebewesen beteiligt sind. So werden die Nährstoffe dem Waldboden wieder zugeführt und können erneut in den Stoffkreislauf eingehen – perfektes Recycling der Natur im Wald. Wir können vom Waldkreislauf als Menschen sehr viel lernen.

Alle diese Prozesse des Wachsens und Vergehens dauern lange an und eine Menschengeneration ist viel zu kurz, diese Dinge zu begleiten. Wer sich aber umsieht, wird Veränderungen wahrnehmen, die über die abgestorbenen Fichten hinaus gehen. Der neue Wald geht an den Start – bunter und vielfältiger anders.

Weitere Informationen zum Waldwandel im Nationalpark Harz, Infofilme, Vorträge, Studienergebnisse und weitere Vergleichsfotos finden Sie hier auf unserer Seite.

Hintergrund: Wo wird gepflanzt? 

Die Initialpflanzungen erfolgen in Abhängigkeit von der Höhenlage nur in der Naturentwicklungszone, siehe Zonierungskarte. In ihr befinden sich Flächen, die sich in der Folge von schonenden Waldentwicklungsmaßnahmen unbeeinflusst zu Naturdynamikzonen weiterentwickeln können. Der Anteil der Naturentwicklungszone an der Nationalparkfläche beträgt derzeit 38,5 %. In den Hochlagen ab etwa 750 m, wo natürlicherweise die Fichte zu Hause ist, werden keine Laubholzpflanzungen durchgeführt – hier in der Kernzone führt die Natur selbst und erfolgreich Regie.