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Datum: 25.06.2019

Klimawandel beeinflusst Wildnisentwicklung

Die Präsidenten von BUND und NABU informieren sich im Nationalpark Harz über die aktuellen Waldbilder

Am 24. Juni 2019 besuchten auf Einladung des Nationalparks Harz die beiden Präsidenten der größten deutschen Naturschutzverbände BUND - Prof. Dr. Hubert Weiger und NABU - Olaf Tschimpke, den Nationalpark Harz. Grund des Besuches waren die Schlagzeilen, die die vielen absterbenden Fichten im Nationalpark zurzeit hervorrufen. Gleichzeitig ergriffen sie die Gelegenheit, die von ihrem jeweiligen Verband betriebenen Nationalpark-Informationseinrichtungen in Torfhaus und Sankt Andreasberg zu besuchen.

Nationalparkleiter Andreas Pusch erläuterte auf einer Exkursion rund um den Achtermann bei Braunlage die aktuelle Waldentwicklung, die durch das extrem trocken-heiße Jahr 2018 in dramatischer Weise beschleunigt wurde: „Das Zulassen eigendynamischer Naturprozesse ist die wichtigste Naturschutzaufgabe eines Nationalparks. Insofern betrachten wir das Absterben von Bäumen, auch wenn es großflächig ist, nicht als Katastrophe, sondern als Teil der natürlichen Waldentwicklung. Das Werden und Vergehen schafft Lebensraum für eine Vielzahl von Pflanzen und Tieren, die es in unserer überwiegend intensiv genutzten Kulturlandschaft andernorts oft schwer haben. Gleichwohl stellt uns die dramatische Entwicklung des vergangenen Jahres vor erhebliche Herausforderungen, insbesondere was die Information der Öffentlichkeit und die Durchführung von Verkehrssicherungsmaßnahmen angeht."

Weiger und Tschimpke sagen dazu: Wir haben vollstes Verständnis dafür, dass viele Nationalparkbesucher sich um den Fortbestand des Waldes sorgen." - "Aus ökologischer Sicht sind tote Bäume keine Katastrophe. Sie sind wichtiger Bestandteil natürlicher Ökosysteme wie auch der Borkenkäfer natürlicher Bewohner des Lebensraumes Fichtenwald ist," so Weiger. „Nur auf 0,6 % der Landfläche Deutschlands kann sich die Natur wie hier im Nationalpark Harz nach ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten entwickeln. Aus Naturschutzsicht ist die hier entstehende Wildnis deshalb sehr zu begrüßen. Trotzdem muss man sich darüber im Klaren sein, dass die Häufung von Extremwetterlagen wie im vergangenen Jahr sowie die Zunahme der Jahresdurchschnittstemperatur Ausdruck eines nicht mehr abzustreitenden Klimawandels ist, dem unsere Gesellschaft und jeder Einzelne endlich mit Nachdruck entgegenwirken muss."

Dem kann sein Kollege vom NABU, Olaf Tschimpke, nur zustimmen: „Wir freuen uns über die entstehende Wildnis im Nationalpark und können den Nationalpark nur darin bestärken, diesen Weg weiter zu gehen. Mit großem Interesse haben wir die Forschungsergebnisse der Nationalparkverwaltung zur Kenntnis genommen, die belegen, dass die Artenvielfalt von dieser ungelenkten Naturentwicklung enorm profitiert. Den Kritikern dieser Waldbilder möchte ich entgegnen, dass nicht das Prinzip „Natur Natur sein lassen" unser Umweltproblem ist, sondern unser verschwenderischer und oft rücksichtsloser Umgang mit der Umwelt und den natürlichen Ressourcen.

Beide Präsidenten wiesen darauf hin, dass BUND und NABU sich aktiv und mit hoch engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im jeweiligen, von ihnen betriebenen Nationalparkhaus an der Information und Aufklärung der Besucherinnen und Besucher beteiligen. Dazu gehört auch zu zeigen, wie der Wald im Wandel zur Wildnis sich weiter entwickelt. Beispiele dafür gibt es nicht nur im Nationalpark Harz in Bereichen, in denen der Borkenkäfer bereits in den 1990er Jahren Fichtenbestände zum Absterben brachte. Prof. Weiger erzählt: „Vor Jahrzehnten hatten wir die ersten Waldbilder dieser Art im Nationalpark Bayerischer Wald. Die damalige Diskussion war kontrovers und die erste ihrer Art in ganz Deutschland. Wir haben sie seitens des BUND stets aktiv begleitet und konnten viel zur Versachlichung beitragen. Denn der Wald starb auch damals im Bayerischen Wald nicht. Er hat sich lediglich erneuert. Heute sind die neu entstandenen Waldbilder so attraktiv, dass sie eine wichtige Grundlage des dortigen florierenden Nationalparktourismus darstellen."

Olaf Tschimpke ergänzt: „Die unbeeinflusste Natur wird auch unter geänderten Klimabedingungen ihren Weg finden. Es dürfte deshalb auch für die künftige Bewirtschaftung der genutzten Wälder von großem Interesse sein, Vergleichsflächen zu haben, auf denen die Natur uns zeigt, wie sie auf Veränderungen der Umweltbedingungen reagiert."

Mit Blick auf die an den Nationalpark angrenzenden Wirtschaftswälder, die von der Trockenheit und dem Borkenkäfer ebenso betroffen sind wie der Nationalpark weist Schutzgebietsleiter Pusch auf die schwierige Lage der dort tätigen Forstleute hin: Holz ist einer der wichtigsten und naturverträglichsten Rohstoffe unseres Landes. Aufgabe unserer Kollegen ist die nachhaltige Bewirtschaftung dieser Wälder zur Sicherung des Rohstoffes Holz auch für künftige Generationen. Die dramatischen Entwicklungen der vergangenen Monate bedeuten für die Förster viele Sorgen und eine enorme Arbeitsbelastung. Die Nationalparkverwaltung führt deshalb mit Hochdruck im sogenannten Borkenkäfer-Sicherungsstreifen entlang der Nationalparkgrenze Bekämpfungsmaßnahmen durch, um eine Ausbreitung der Käfer in die Wirtschaftswälder zu verhindern.

Die Entwicklungen sowohl innerhalb wie auch außerhalb des Nationalparks machen es überaus deutlich, wie wichtig sofortige Maßnahmen zum Klimaschutz sind.

Weiterführende Informationen

Ein Wald im Wandel zur Wildnis

Jahrhundertelang haben Menschen die Harzer Wälder intensiv genutzt und verändert. Seit Nationalparkgründung darf sich die Natur in großen Teilen des Schutzgebietes wieder frei entfalten. Der Nationalpark Harz ist einer der größten Waldnationalparke Deutschlands und umfasst rund 10 % des gesamten Harzes. Ziel ist die Rückkehr einer naturnahen Bergwildnis.

Viele der heute im Nationalpark Harz liegenden ehemaligen Wirtschaftswälder hatten in der Vergangenheit mit Wildnis wenig zu tun. Doch wo die Natur die Regie übernimmt, setzt nun ein dynamischer Waldwandel ein. Von Menschen gestaltete, oft eintönige Fichten-Monokulturen dürfen im Nationalpark Harz wieder zu wildem Naturwald werden.

Alte und schwache Bäume sterben. Junge Bäume wachsen, wo sie wollen. Keiner räumt den Wald auf. Niemand erntet das Holz. Tote Bäume bleiben stehen oder liegen und zerfallen langsam. Ihre Stämme und die in ihnen gespeicherten Stoffe werden zum Fundament für eine neue Waldgeneration.

Die aktuellen Waldbilder zeigen keinen toten Wald, sondern stehen für eine kurze Zwischenstation auf dem Weg zur neuen Wildnis.


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