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Datum: 31.01.2018

Erster holzbesiedelnder Urwaldrelikt-Käfer im Nationalpark Harz nachgewiesen

Vom Aussterben bedrohter Bluthalsschnellkäfer weist auf naturnahe Waldstrukturen hin

Im Rahmen der Arten-Kartierung legten Wissenschaftler des Nationalparks Harz im vergangenen Jahr unter anderem den Fokus auf holzbesiedelnde Insekten. Dabei gelang ein herausragender Fund. Mit einem Exemplar des Bluthalsschnellkäfers (Ischnodes sanguinicollis) wurde die erste Urwaldreliktart des Nationalparks unter den holzbesiedelnden Käfern nachgewiesen. Die Art ist landes- und bundesweit vom Aussterben bedroht und deutet auf Wälder mit altem Baumbestand und naturnahen Strukturen hin.

In einer Pilotstudie wurde 2017 ein totholzreicher Buchen-Eichen-Mischbestand in steiler, sonnenexponierter Hanglage im Ilsetal auf dort vorkommende holzbesiedelnde Insektenarten untersucht. Insgesamt kamen fünf Fallen zum Fang fliegender Insekten zum Einsatz, die jeweils an typischen Totholzstrukturen in der Fläche aufgehängt wurden. Die Fallenfänge wurden durch Handaufsammlungen ergänzt.

Mit den genannten Methoden konnten bisher auf der Untersuchungsfläche 217 Käferarten nachgewiesen werden, von denen knapp zwei Drittel holzbesiedelnd sind. Auch unter den Wanzen gelangen einige interessante Nachweise seltener, an Holz gebundener Arten.

Betrachtet man die Vorlieben der holzbesiedelnden Käfer hinsichtlich der Holzbeschaffenheit, so besiedeln 29 Arten frisches oder frisch abgestorbenes Holz und 66 Arten älteres Totholz. Weitere 33 Arten leben in und an holzbesiedelnden Pilzen und neun Arten in Mulmhöhlen . Damit haben insbesondere alte Bäume, die sich in der Reife- und Zerfallsphase befinden, eine große Bedeutung für die dortige Artenvielfalt.

Hinsichtlich der Gefährdung gelten zwei Käferarten als bundesweit vom Aussterben bedroht, darunter der Bluthalsschnellkäfer. Weitere zwölf bzw. 31 gefundene Arten gelten bundesweit als stark gefährdet bzw. gefährdet. Betrachtet man die landesweite Gefährdung in Sachsen-Anhalt, so galten drei der nachgewiesenen Käferarten 2004, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der aktuellen Roten Listen noch als verschollen oder ausgestorben. Weitere 13 Arten gelten landesweit als vom Aussterben bedroht. Schon aus dieser kurzen Analyse ergibt sich für die Nationalparkverwaltung eine landes- und gar bundesweite Verantwortung für den Erhalt der Lebensräume dieser seltenen und gefährdeten Arten.

Die Larven des hier erstmals für den Nationalpark Harz nachgewiesenen Bluthalsschnellkäfers entwickeln sich in bodenfeuchten Mulmhöhlen am Stammfuß von Laubbäumen. Auch die geschlechtsreifen Tiere verlassen die Mulmhöhle nur kurze Zeit zur Partnerfindung. Der Käfer gilt als Urwaldrelikt, weil sein Vorkommen auf eine sehr lange Verfügbarkeit des Lebensraumes über viele Käfergenerationen hinweg hinweist. Urwaldreliktarten sind auf spezielle Strukturen wie Mulmhöhlen oder sehr alte, abgestorbene Bäume angewiesen und breiten sich nur wenig aus. Gehen die von ihnen besiedelten Standorte verloren, können die Tiere nur schwer wieder am selben oder an anderen Orten Fuß fassen. Das Vorkommen einer solchen Art deutet also auf naturnahe Waldstrukturen mit dem Vorkommen alter Bäume, die sich in der Endphase ihres langen Lebens befinden, hin.

Nach den ersten Ergebnissen der Pilotstudie lässt sich sagen, dass das untersuchte Gebiet von herausragender Bedeutung für holzbesiedelnde Insektenarten im Nationalpark Harz ist. Mit zunehmender Naturnähe der Wälder im Ilsetal und darüber hinaus kann diese Fläche als Quelle für die Wiederbesiedlung durch eine artenreiche Totholzfauna dienen. Dies ist umso bedeutender, da die Wälder des Nationalparks über Jahrhunderte von Menschenhand genutzt und überprägt worden sind und es damit nur wenige Flächen geben dürfte, in denen typische Arten alter Wälder überdauert haben können.