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Blockhalden - Meere aus Stein

Wohin des Weges?

Durch die Bäume schimmern riesige Felsblöcke hindurch. Ein ausgetretener, steiniger Pfad führt das letzte Stück bergauf. Um den Aufstieg zu erleichtern, wurden die Steine zu einer Treppe formiert. Dann treten wir aus den wind- und wettergegerbten Fichten heraus und müssen nur noch die letzten Felsen erklimmen, um unseren Blick weit über den Harz schweifen lassen zu können. Wenn wir nicht nur zur kahlen Kuppe des Brockens oder zur Sprungschanze des Wurmbergs hinüberblicken, sondern die Achtermannkuppe - zentral im Nationalpark Harz gelegen - direkt um uns herum betrachten, entdecken wir, dass wir uns inmitten eines riesigen Felsenmeeres befinden.

Und dieses Meer aus Stein sieht nach allen Richtungen anders aus. Nach Westen hin erstreckt sich ein Bereich, den wir als Schotterhang bezeichnen könnten. Dort sind die Felsstücke klein, etwa schuhkartongroß und die Halde fällt recht gleichmäßig nach unten ab bis kleine, krumm gewachsene Fichten das Gelände erobern. Auf der anderen Seite, Richtung Osten, erwartet uns das genaue Gegenteil. Die Felsblöcke haben gigantische Ausmaße. Es sieht aus, als hätte sich hier ein Riese ausgetobt. Ein Blick in diese Richtung zeigt uns die ganze Urtümlichkeit der Blockhalden. Wenn dann noch leichter Nebel aufzieht und wir zufällig alleine auf der Achtermannkuppe sind, haben wir das Gefühl in eine andere Welt einzutauchen.


Eine Blockhalde - was ist das?

Mit dem Begriff Halde verbinden wir meistens eher unerfreuliche Hinterlassenschaften menschlicher Nutzung. Doch wenn wir Blockhalden - riesige Meere aus Stein - näher betrachten, stellen wir fest, dass sich in ihnen ein ausgesprochen spannender Lebensraum verbirgt.

Was genau sind Blockhalden? Es gibt ganz unterschiedliche Felsformationen, doch nur solche, deren Blöcke mindestens kopfgroß sind und an verhältnismäßig steilen Hängen mit einem Neigungswinkel von mindestens fünfundzwanzig Grad lagern, bezeichnen wir als Blockhalden. Bei flacherem Geländeverlauf sprechen Geologen von Blockmeeren, sind die Bruchstücke kleiner, von Felsschutthalden.

Blockhalden sind in Mitteleuropa außerhalb der Alpen höchst selten. Ihre Entstehung erfolgte überwiegend unter periglazialen Bedingungen, das heißt während der Eiszeiten in unvergletscherten Bereichen und unmittelbar nach dem Rückgang der Vereisung. Die heutigen Blockhalden sind daher wohl mindestens 10.000 Jahre alt. Bei ihrer Bildung waren starke Kräfte am Werk. Physikalische Verwitterung, z.B. in Form von Frostsprengung, spielte eine entscheidende Rolle. Besonders wichtig war auch, dass das feine Verwitterungsmaterial ausgewaschen wurde. Nur so konnte das für den Lebensraum Blockhalde charakteristische Lückensystem entstehen. Der Nährfels - die Felsformation, die für die Blockzufuhr gesorgt hat - ist in vielen Fällen auch heute noch zu sehen.


Was macht diesen Lebensraum so besonders?

Blockhalden verfügen über ein ganz erstaunliches eigenes Mikroklima, das sich von dem ihrer Umgebung deutlich abhebt und das zudem kleinräumig auch noch sehr unterschiedlich ist. Betrachten wir allein nur die Temperaturunterschiede an einem einzigen Tag im Juli, so können wir außergewöhnliche Extreme feststellen.

Während an der Haldenoberfläche ein trocken-warmes Klima mit starken Schwankungen vorherrscht, ist es im Innern der Halde kühler und das Klima ist insgesamt ausgeglichener. In den Hohlräumen der Blockhalde herrschen Bedingungen, die denen von Naturhöhlen vergleichbar sind. Das ganze Jahr über ist es vergleichsweise kühl und feucht und natürlich dunkel.

Und das ist noch nicht alles. Einige Blockhalden verfügen sogar über ein ausgeprägtes Luftzirkulationssystem. Im Sommer wird die warme Luft am Kopf der Halde angesaugt, durchströmt das Lückensystem in der Tiefe der Halde und tritt dann am Fuß merklich kühler wieder aus. So kann in einigen Blockhalden im Fußbereich bis Ende Juni noch Eis zwischen den Steinen gefunden werden. Im Winter zeigt sich ein gegenteiliges Phänomen. Die relativ milde Luft im Haldenkörper steigt von unten durch das Hohlraumsystem auf und wärmt so den Haldenkopf.

Insgesamt herrschen in den Blockhalden also ziemlich extreme Bedingungen. Fehlendes Bodensubstrat, starke Temperaturschwankungen und Wassermangel machen den Pflanzen das Leben schwer. Vor allem Flechten, einige Moose und vereinzelt auch höhere Pflanzen, z.B. Zwergsträucher wie die Heidelbeere, können sich ansiedeln. Und auch was die Tiere angeht, erscheinen uns die Blockhalden auf den ersten Blick nahezu unbewohnt. Aber das täuscht. Bei genauerem Hinsehen können wir entdecken, dass es in den Steinmeeren des Nationalparks Harz viele Bewohner gibt. Bergeidechsen wärmen sich auf den besonnten Gesteinsoberflächen auf und nutzen, ebenso wie die Feuersalamander, die Lücken zwischen den Blöcken als Unterschlupf. Es könnte auch sein, dass diese Arten im Winter die vergleichsweise milderen Tiefen der Blockhalden aufsuchen. Dies wird auch für einige Schmetterlingsarten wie z.B. den C-Falter oder das Tagpfauenauge vermutet, die besonders im Herbst beim Sonnenbad beobachtet werden können. Auch Fledertiere wie die Nordfledermaus nutzen im Harz die großen Steinmeere zeitweilig als Tagesquartier.


Blockhalden im Nationalpark Harz

Im Folgenden wollen wir Ihnen einige kurze Wandertipps geben, bei denen Sie jeweils einen ganz anderen Eindruck vom Lebensraum Blockhalde bekommen können:

  1. Die wohl bekanntesten Blockhalden des Nationalparks Harz befinden sich am Brocken. Hier sind sie sogar als Nationales Geotop ausgewiesen. Sie finden diese Halden an vielen Stellen entlang Ihres Weges auf dem Brocken-Rundwanderweg. Er ist ca. 1,6 km lang. Wenn Sie Ihre Wanderung am Brockenhaus beginnen, haben Sie von dessen Eingang bereits einen guten Überblick auf einige der mit Moosen bedeckten Granitwollsäcke dieser höchstgelegenen norddeutschen Blockhalden.
  2. Auch von der Achtermannkuppe aus haben Sie einen wunderbaren Überblick über eins der Meere aus Stein und die Hochlagen des Nationalparks. Erreichen können Sie diesen Aussichtspunkt über verschiedene Wanderwege von den an der B 4 Bad Harzburg - Braunlage gelegenen Parkplätzen Oderbrück und Königskrug.
  3. Bei einer Wanderung vom Rehberger Grabenhaus Richtung Oderteich schauen Sie am Goetheplatz direkt von unten in eine Blockhalde hinein und bekommen so einen Eindruck von der Blockgröße und der Steilheit des Lebensraums. Zum Goetheplatz können Sie sowohl vom Parkplatz, an der B 242 zwischen Sonnenberg und Sankt Andreasberg gelegen, als auch vom Parkplatz am Oderteich aus erreichen.
  4. Auf dem oben beschriebenen Rehberger Grabenweg haben Sie außerdem einen herrlichen Blick auf die Hahnenkleeklippen an der gegenüberliegenden Flanke des Odertals. Die Hahnenkleeklippen haben als Nährfels für verschiedene Blockhaldenfelder fungiert, die sich heute auf großen Flächen talwärts erstrecken.

Schutz eines besonderen Lebensraums

Blockhalden sind nicht nur ein sehr beeindruckender, sondern auch ein schützenswerter Lebensraum! Im europäischen Natura 2000 - Schutzgebietsnetz sind sie nach der FFH (Fauna - Flora - Habitat) - Richtlinie als Lebensraumtypen 8110 und 8150 geschützt.

Die Steinfelder dürfen nicht betreten werden. Insbesondere die auf den Felsen wachsenden Flechten sind sehr trittempfindlich. Sie werden wegen ihrer Unauffälligkeit kaum wahrgenommen, überziehen aber nahezu die ganzen Haldenbereiche. In den Blockhalden des Oberharzes kommen viele seltene Flechtenarten vor. Oft sind es die einzigen Vorkommen der Art in Niedersachsen. Sie können nur erhalten werden, wenn sie vor Trittschäden geschützt werden.

Gefährdet ist der Lebensraum Blockhalde außerdem durch das Verstopfen des Lückensystems durch Müll, Erdreich und kleine Steinchen. Das führt nicht nur zu einer Störung des typischen Klimas, sondern auch zu verstärkter Bodenbildung auf und zwischen den Steinen. Eine zunehmende Ansiedlung von Moosen und Zwergsträuchern ist die Folge. Ist genügend Bodensubstrat gebildet worden, können sich auch Bäume ansiedeln und die Blockhalden wachsen langsam zu.

Tragen Sie durch Ihre Achtsamkeit dazu bei, dass dieser spannende Lebensraum mit seinen vielen seltenen Arten erhalten bleibt!


Spinnen als Spezialisten

Für manche wirbellose Kleintiere sind die Meere aus Stein ein idealer Lebensraum. Eine bedeutsame Gruppe möchten wir Ihnen näher vorstellen: die (Web-)Spinnen. Untersuchungen in den Blockhalden des Nationalparks Harz haben gezeigt, dass Spinnen hier ausgesprochen artenreich vertreten sind. Erstaunliche 187 Arten konnten bis 2010 nachgewiesen werden. Aber nicht nur die Artenzahl macht die Spinnen so interessant, sondern auch die Tatsache, dass sie alle Bereiche der Blockhalden besiedeln. Unter ihnen finden sich auch außergewöhnliche, sehr seltene Arten mit besonderer Anpassung an die speziellen Lebensbedingungen von Blockhalden. Mit einigen dieser Spezialisten möchten wir Sie kurz bekannt machen. An der Oberfläche der Steinmeere treten eher größere Arten wie die Norwegische Wolfspinne (Acantholycosa norvegica sudetica) oder die Alpen-Sackspinne (Clubiona alpicola) auf. Letztere ist eine bleich gefärbte, 5 - 8 mm große Spinne, die sich tagsüber in ihrem weißen Gespinstsack - daher der Name Sackspinne -

unter Steinscherben der Haldenoberfläche verbirgt. Die flinke Norwegische Wolfspinne zählt zu den tagaktiven Laufjägern und kann häufig beim Sonnenbaden beobachtet werden. Es gibt aber auch Spinnenarten, die die tieferen und dunklen Bereiche des Blocklückensystems favorisieren. Überwiegend sind das winzige Tiere mit Größen zwischen 1,2 und 3 mm, die zur Familie der Zwerg- und Baldachinspinnen gehören. Ein Beispiel ist die Baldachinspinne Wubanoides uralensis, deren Männchen am markanten Kopfhorn mit Enterhakenborste zu erkennen sind. Sie zählt zu den seltensten und geheimnisvollsten Spinnen Europas. Bis heute wurde sie ausschließlich in sehr wenigen Steinmeeren in Tschechien sowie im Harz gefunden. Merkwürdig, denn das Hauptverbreitungsgebiet dieser Spinne liegt jenseits des Urals in Sibirien und Nordasien! Inzwischen deutet sich an, dass Wubanoides - wie auch weitere Arten - ein Kältezeitrelikt ist, das im nacheiszeitlichen Mitteleuropa in der Tiefe einzelner Blockhalden bis heute überleben konnte. Weitere Baldachinspinnen des dunklen Blocklückensystems sind die eher unscheinbaren Arten Lepthyphantes notabilis und Bathyphantes simillimus. Letztere bevorzugt dabei sogar den Aufenthalt im Kaltluftbereich der Haldenfußregion. Unter Steinblöcken nahe der besonnten Haldenoberfläche ist mit Rugathodes bellicosus auch eine filigrane, fast farblose Vertreterin der Kugelspinnen anzutreffen. Blockhalden sind nicht nur ein Refugium für seltene eiszeitliche Reliktarten. Ihre Besonderheit und Ursprünglichkeit wird auch dadurch unterstrichen, dass sie einen hohen Anteil gefährdeter Spinnen beherbergen. Rund ein Fünftel aller nachgewiesenen Arten der Blockhalden im Nationalpark steht auf der Roten Liste - eine ganz beträchtliche Zahl!!


Flechten - bestens an den kargen Lebensraum angepasst

Die riesigen Meere aus Stein machen einen lebensfeindlichen Eindruck. Doch es gibt eine Organismengruppe, die bestens an den steinigen Lebensraum angepasst ist: die Flechten. Von der Arktis bis in die Wüste erobern sie alle unwirtlichen Gebiete und gehören überall zu den Pionierbesiedlern.

Flechten sind ein Musterbeispiel einer überaus erfolgreichen Symbiose. Sie sind Doppelorganismen aus einer Pilz- und einer Algenart. Zusammen bilden sie eine Lebensgemeinschaft und weisen dann eine eigene Gestalt auf, so dass Pilz und Alge nicht mehr zu erkennen sind. In dieser Partnerschaft übernimmt der Pilz die Versorgung mit Wasser und Nährsalzen, während die Alge Fotosynthese betreibt und so Bioenergie produziert.

Flechten vertragen monatelanges Austrocknen und auch starke Temperaturschwankungen. Ihr Wachstum ist sehr langsam, ihre Zuwachsraten betragen pro Jahr einige Zehntelmillimeter bis zu einigen Zentimetern. Da sie sehr alt werden - mehrere Jahrzehnte, ja sogar Jahrhunderte - können sie trotzdem beträchtliche Flächen besiedeln. In den Harzer Blockhalden geben sie z.T. ganzen Haldenpartien eine rötlich-braune oder gelbliche-grüne Färbung.

Von diesem ausgeprägten Flechtenwachstum profitiert auch eine Tierart und zwar der Blankflügel-Flechtenbär oder besser gesagt seine Raupe. Es wurde jüngst im Nationalparkgebiet nachgewiesen, dass Blockhalden für diese kleine, gelblich gefärbte Schmetterlingsart, die in Niedersachsen vom Aussterben bedroht ist, gleichzeitig Lebens- und Entwicklungsraum sind.


Zu den auffälligen Flechten gehört Umbilicaria deusta, die auf ebenen Felsflächen in den höheren Lagen des Nationalparks wächst. Das lateinische Wort umbilicus bedeutet „Nabel“. Mit eben diesem Nabel ist die Blattflechte nur an einem Punkt am Fels verankert. Die dunkelbraune Oberfläche ist dicht mit sogenannten Isidien besetzt, die der Flechte ein „rußiges“ Aussehen verleihen. Es handelt sich hierbei um kleine Auswüchse an der Oberfläche, die der Vermehrung der Art dienen. Aus jedem noch so winzigen dieser Partikel, das der Wind oder das Wasser fort trägt, kann wieder ein Flechtenlager entstehen. Eine ideale Anpassung für eine Flechte, die bevorzugt auf bodennahen und lange taufeuchten Felsen wächst, die anhaltend mit Schnee bedeckt sind und regelmäßig vom Niederschlagswasser überspült werden.


GeoPark Harz . Braunschweiger Land . Ostfalen

Die Blockhalden des Nationalparks sind Teil des GeoParks Harz . Braunschweiger Land . Ostfalen. Er umfasst den Harz, seine Vorländer und das nördlich davon gelegene Braunschweiger Land bis zum Flechtinger Höhenzug.

Der Harz ist reich an geologischen Aufschlüssen, Schaubergwerken und Schauhöhlen. Zwischen dem Harzer Grundgebirge und dem Flechtinger Höhenzug liegen zahlreiche geologische Mulden und Sättel mit Salzstöcken sowie Lagerstätten von Eisenerzen und Braunkohle. Besucher erhalten Einblick in viele verschiedene Abschnitte der Erdgeschichte, zum Beispiel Gesteine der Trias entlang der Salzstöcke, Dinosaurierreste aus dem Jura, Eisenerze aus der Kreidezeit oder eiszeitlichen Strukturen.

Der Harz bietet sowohl Sedimentstrukturen wie Gesteine vulkanischen Ursprungs sowie im Südharz beeindruckende Karstlandschaften. Ein Alleinstellungsmerkmal ist die 3.000 Jahre alte Bergbaugeschichte. Der Rammelsberg, die Altstädte von Goslar und Quedlinburg, die Oberharzer Wasserwirtschaft und die Luther-Gedenkstätten Eisleben sind UNESCO-Welterbe.


Weitere Informationen unter www.geopark-harz.de und

www.harzregion.de.


Impressum

Nationalpark Harz, Lindenallee 35, 38855 Wernigerode

Tel. 0 39 43 / 55 02 - 0, Fax 0 39 43 / 55 02 - 37

poststelle@nationalpark-harz.de


Text: K. Hagen, Dr. H.-U. Kison, Dr. F. Knolle, Dr. H.-B. Schikora

2010


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